Mit dem Rad von Schloss zu Schlösschen im Werratal

Am 18. Juli stand für die Radgruppe des HWGV Kassel eine besonders feudale Tour im Frau-Holle-Land auf dem Programm. Mit dem Zug oder dem eigenen Auto kamen die Teilnehmenden zum Treffpunkt in Eschwege. Auf einem Firmenparkplatz schilderte Wanderleiter Siegfried Hässner die geplante Schlösser-Rundtour so spannend, dass alle voller Elan in die Pedale traten.

Stromaufwärts von Jestädt über Grebendorf und Schwebda nach Wanfried

Die erste Etappe führte zum Schloss Jestädt, das im Mittelalter unter anderem den Boyneburgks als Adelssitz diente. In den 1990er-Jahren wurde das Schloss nach langem Leerstand behutsam saniert. Heute ist es bewohnt und bietet darüber hinaus vier große Ferienwohnungen.

Weiter ging es entlang der Werra stromaufwärts, zwischen den Seen hindurch. Viele der sogenannten Schlösser im Werratal sind eigentlich herrschaftliche Wohnsitze in Fachwerkarchitektur. Davon zeugte gleich das nächste Etappenziel: Schloss Grebendorf, auch „Altes Keudellsches Schloss“ genannt und heute Sitz der Verwaltung. Da auch der Proviant verwaltet werden musste, legte die Radgruppe dort eine Frühstückspause ein.

Gestärkt erreichte die Gruppe nach wenigen Kilometern Schwebda. Dort ist vor allem der Turm der Stephanuskirche historisch bedeutsam; er wird auf etwa 1150 datiert. Vom hübschen Ortskern aus wartete allerdings eine Herausforderung: die Steigung hinauf zum Schloss Wolfsbrunnen. Das Schloss beeindruckt nicht nur vom Ufer der Werra aus – auch umgekehrt bietet die Schlossterrasse einen atemberaubenden Blick ins Werratal.

Dabei ist Wolfsbrunnen das jüngste Schloss auf der Tour. Es wurde ab 1904 im Stil der Neorenaissance errichtet.

Bergab führte der Weg zurück zum Werratal-Radweg, durch Frieda und am Abzweig zum Kanonenbahn-Radweg vorbei. Dieser verläuft entlang der stillgelegten Kanonenbahn, einer militärstrategischen Eisenbahnverbindung aus den 1870er-Jahren, die einst von Berlin über das Eichsfeld bis nach Metz im Elsass-Lothringen führte. Die Radgruppe erinnerte sich gerne an die bemerkenswerte Tour über mehrere Viadukte und durch fünf Tunnel, die sie vor vier Jahren unternommen hatte.

Im wunderschönen Fachwerkort Wanfried gab es gleich zwei „Schlösser“ zu bestaunen. Das Keudellsche Schloss ist ein stattliches Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert mit einer wechselvollen Geschichte. Heute lädt ein hübsches Café in den unteren Räumlichkeiten zum Verweilen ein.

Noch länger reicht die Geschichte des Landgrafenschlosses Wanfried zurück. Es war einst im Besitz der Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Wanfried. Eine Teilnehmerin berichtete von der recht ungewöhnlichen Nutzung als Konservenfabrik: Von 1946 bis Mitte der 1970er-Jahre befand sich diese in einem Flügel des Schlosses.

Die Wanfrieder Schlagd mit ihrem Gasthaus am historischen Hafen bot sich anschließend als perfekte Mittagspause an.

Stromabwärts über Aue zurück nach Eschwege

Nach Speis und Trank ging es über die Werra und auf der anderen Seite zurück in Richtung Eschwege.

Die Gruppe nahm Kurs auf die Wasserburg Aue, die im 13. Jahrhundert errichtet wurde. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie geplündert und angezündet. Sie brannte bis auf das steinerne Erdgeschoss nieder und wurde anschließend nicht wieder aufgebaut.

Heute kümmert sich der Heimatverein Aue um die Burgruine. In dem kleinen, erst 1920 nachträglich errichteten Turm hat er Hessens kleinstes begehbares Museum eingerichtet. Seit 2016 werden dort auf gerade einmal vier Quadratmetern Grundfläche archäologische Funde präsentiert, die das Alltagsleben auf einer Burg im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit veranschaulichen.

Von Aue nach Eschwege war es nur noch ein Katzensprung. Zur Abwechslung ließ die Gruppe in Eschwege das Landgrafenschloss links liegen. Stattdessen vergnügte sie sich im Sophiengarten, der seit 1997 von den Freunden des Eschweger Sophiengartens e. V. nach historischem Vorbild gestaltet und gepflegt wird.

Danach blieb noch etwas Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Die Gruppe ließ es sich in der Eisdiele am Markt gut gehen.

Dort dankten die Radlerinnen und Radler Siegfried Hässner und Marlies Lehmann für die schöne Tour, die einstimmig unter die Rubrik „Geschichte mit viel Genuss“ fiel.

Text und Fotos: Birgit Mietzner