Von Hundelshausen über Burg Ludwigstein nach Bad Sooden Allendorf: Das ist das Programm, das sich Wandführer Roland Dippel für diesen Sonntag Anfang Oktober ausgedacht hat.
„Zunächst wandern wir auf leicht ansteigenden und nicht markierten Wegen aus dem Ort heraus. Wir treffen dann auf dem Werra-Burgen-Steig, die Wanderwege H11 und X7 bis zur Burg Ludwigstein“, ist in der Ankündigung zu lesen. „Die Wanderung geht dann weiter durch den Ort Oberrieden bis zum höchsten Punkt der Wanderung, der „Jägereiche“, ein als Naturdenkmal geschützter alter Baum. Von dort geht es stetig bergab nach Bad Sooden-Allendorf. Die Strecke ist landschaftlich sehr abwechslungsreich und lädt förmlich zum Wandern ein“, macht der Ankündigungstext neugierig. Mögliche Hürde für den einen oder die andere: die Uhrzeit. Treffpunkt ist um 7.30 Uhr am Hauptbahnhof, um mit der RB 83 nach Witzenhausen zu fahren.

Wer lesen kann, ist im Vorteil
Für einen Wandersmann gibt es an diesem Tag noch eine andere Hürde: Ausgestattet mit allem, was es für eine Tagestour braucht, kommt er pünktlich am Treffpunkt an. 7:46 Uhr Abfahrt mit dem Zug. Ein Blick nach links und rechts in der Bahnhofshalle, kein anderer Wanderer auszumachen. Dabei ist zumindest der Wanderführer sonst immer super pünktlich, also ein paar Minuten vor der Zeit. Und die Leute, die mitwandern, finden sich schnell in ihrer Gruppe zusammen.
Blick auf die NVV App. Vom Willi-Bahnhof geht’s heute kompliziert per ICE und Schneckenzug nach Witzenhausen. Dabei sollte es die durchgehende Regionalbahn werden. „Da stimmt was nicht“, denkt der Wandersmann, zuckt das smarte Telefon und ruft die Seite des HWGV auf.
Treffpunkt 7:30 Uhr am Hauptbahnhof ist dort unfassbarerweise zu lesen, während er am Bahnhof Wilhelmshöhe steht.
Es ist 7.33 Uhr. 7.46 Uhr Abfahrt. Das wird eng. Also raus zum Taxistand und rein in die Droschke. Zwischendrin noch dem Wanderführer eine SMS gesendet, dass man es heute Morgen ordentlich vercheckt hat, dann Anruf aus dem Taxi. „Roland, sag mir bitte kurz, aus welchem Gleis ihr seid, damit ich direkt dahin spurten kann“, meldet der Wandersmann in seiner Hektik. „Du, es hat sich alles verschoben. Wir nehmen den Schienenersatzverkehr um 8.05 Uhr. Wenn du jetzt im Taxi sitzt, passt das alles.“
Erleichterung, dass die Wanderung aus Amnesiegründen nicht noch ins Wasser fällt, gerade weil fettes Herbstwetter angekündigt ist.
Solche individuellen Aufreger am Morgen sind natürlich nicht üblich, wenn der HWGV seine Wanderungen plant. Aber Unwägbarkeiten mit dem ÖPNV sind immer mal drin.
Kaffee und Kuchen schon vor dem Start
Mit elf Leuten steht die Gruppe am Hauptbahnhof Nord und hart der Dinge, ob der Schienenersatzverkehr ordnungsgemäß seinen Dienst verrichtet. Nicht ganz 8:05 Uhr, aber er kommt. Durch das noch neblige Nordhessen geht es nach Witzenhausen, was mit dem Bus erheblich länger dauert, als mit dem Zug und was natürlich dafür sorgt, dass die Gruppe den Anschlussbus, der sie zum Startpunkt der Wanderung befördern soll, nicht erreicht. 40 Minuten Wartezeit in der Kirschblütenstadt sind angezeigt und es gilt sich die Zeit zu vertreiben. Wanderführer Roland und Carsten, ein anderer erprobter Wandersmann, haben sich am Vorabend noch abgestimmt, als sie mitbekommen hatten, dass die Verbindung nicht wie geplant fahrbar ist. Gut gelaunt holen sie am Witzenhäuser Bahnhof ihre mit Kaffee gefüllten Thermoskannen aus dem Rucksack – und Kuchen haben sie auch dabei! Damit jede und jeder einen Schluck Kaffee abbekommt haben die beiden auch noch an Pappbecher gedacht und sorgen damit für gute Stimmung.
Läuft. Auch wenn die Truppe noch gar nicht losgegangen ist. Die Zwangspause am Bahnhof sorgt auch dafür, dass sich die heutigen Wandervögel schon mal miteinander vertraut machen können. Schließlich ist es jedes Mal ein kleines Abenteuer, wer an einem Sonntag mitwandert. Manche kennen sich schon, andere kommen neu dazu. Als auch der Anschlussbus da ist, geht es endlich Richtung Hundelshausen und von dort aus macht sich das Elfer-Team in Richtung Burg Ludwigstein auf.
Ein wunderbarer Tag in der Region
Gut 18 km stehen heute auf dem Programm. Wegen des Schienersatzthemas hat Roland auch die Rückfahrt, die eigentlich von Bad Sooden laufen sollte, umgeplant. Für Wanderführer ist da Flexibilität angesagt und gängige Praxis. Grundsätzlich ist es bei den HWGV-Wanderungen immer so, dass der Wanderführer kurz vor dem Wandertermin vorwandert. Dabei sondiert er, ob die Strecke okay ist, denn es kann auch schon mal vorkommen, dass ein Landwirt den in der Karte verzeichneten Weg am Waldrand mit mit umgepflügt hat oder dass nach Unwettern Bäume kreuz und quer im Weg liegen.
Für die Mittwandernden bedeutet das, dass sie absolut stressfrei und ohne jegliche Navigationskenntnisse mitlaufen und einen wunderbaren Urlaubstag in ihrer Region haben können.
Dazu gibt es, wenn gewünscht, Gespräche mit den Mitwanderern oder auch, wenn jemand eine Zeit für sich allein die Landschaft genießen will, genau diese Möglichkeit. Die Wegeführungen sind vielfältig. Vom Single Trail über geteerte Wirtschaftswege bis zu breiten Waldwegen – und das alles mit wunderbaren Aussichtspunkten, die die jeweilige Strecke bereithält. Und an denen die Wandersleute gern Rast machen.
Rasten in der Sonne auf der Burg
An diesem Sonntag ist Rucksackverpflegung angezeigt und auf der Burg Ludwigstein angekommen gibt es sonnige Plätze auf den auf den Bänken vor der heutigen Tagungsstätte, die auch das Archiv der Deutschen Jugendbewegung beherbergt, die zum Rasten einladen.
Nach einer ausgiebigen Pause, bei der man sich am Automaten auch ein gepflegtes Bier ziehen konnte, wie Roland bei seiner Vorwanderung herausfand, geht es dann entlang der Werra auf einem anderen Weg wieder zurück nach Witzenhausen. Dabei wartet auf dieser Etappe noch die ein oder andere Steigung auf die Wandersleute, bis sie durch die Kirschplantagen wieder in der Stadt ankommen.
Diesmal passt es prima mit dem Schienenersatzverkehr und so gegen 18 Uhr ist die Wandergruppe wieder am Kassler Hauptbahnhof.
Roland und Carsten hatten verabredet, nach der Wanderung zusammen Essen zu gehen. Auf der Rückfahrt im Bus dann die Frage an die anderen Wandersleute, ob noch jemand Lust hat, sich anzuschließen. Die einen wollen lieber zeitnah Hause und verabschieden sich. Für andere ist das ein wunderbarer Vorschlag, um diesen Urlaubstag zünftig abzuschließen. Und so landet eine fünfköpfige Männerrunde dann noch im Komödienstadl und lässt diesen wunderbaren Wandertag bei leckerem Essen und einem gepflegten Bier ausklingen.
Text: Klaus Schaake, Fotos: Felix Dinh
